Das Opfer

Das Opfer, dieses Wort, es klingt nach einem Ding. Es wird etwas geopfert, damit es allen außer dem Opfer gut geht. Es gibt viele Rituale, bei denen das Opfer am Ende stirbt. Etwas, das wertvoll ist, wird abgegeben, um etwas anderes zu bekommen, was im besten Fall einer Gemeinschaft zugute kommen soll.

Rituelle Opfer

In manchen Ritualen opfert sich jemand – augenscheinlich aus freien Stücken, in anderen wird ein Mensch zu etwas gezwungen. Es kann aber auch ein Tier sein oder ganz banal Lebensmittel. Aber all diesen Opfern ist gemein, das etwas hergegeben wird, das eigentlich nicht hergegeben werden will. Die Bereitschaft etwas zu opfern, entsteht aus dem Gedanken, dass es im Gegenzug eine Art Belohnung gibt, eine Wiedergutmachung. Es ist eine Art Tauschgeschäft – ich gebe dir etwas, was mir lieb und teuer ist, und erhalte im Gegenzug eine Belohnung.

Eine weitere Art von Opfer ist eine Person, die Opfer einer Straftat wurde. Hierbei handelt es sich niemals um eine Sache, aber da im Strafrecht keine Emotionen verhandelt werden, sondern Straftatbestände, kann ganz grob gesagt werden, dass Menschen während eines Strafprozesses zum Teil verdinglicht werden. Ein Strafprozess ist ein Verwaltungsakt. Es geht um Sachen. Es geht nicht um Emotionen.

Menschen-Opfer

Aber was ist jetzt mit dem Mensch, der Opfer wurde. Ein Mensch, der einer Täterin oder einem Täter zum Opfer gefallen ist. In dieser Formulierung steckt schon drinnen, dass jemand zu Fall gebracht wurde. Gerade noch aufrecht und dann am Boden. Es wird deutlich, dass die Verantwortung klar auf der Seite liegt, von der die Tat ausgeht. Ein Mensch wird zum Opfer gemacht. Ein Opfer erfährt eine Zäsur – einem Bruch im eigenen Leben. Es gibt ein Davor und ein Danach. Dazwischen die Tat.

Natürlich gibt es auch Menschen, die sich selbst zum Opfer machen. Da gibt es also nur eine Seite und auf dieser Seite stehen Täter*in und Opfer gemeinsam. Von diesen Menschen werde ich hier nicht sprechen.

Ich möchte von den Menschen sprechen, denen etwas zugestoßen ist, denen etwas genommen wurde, weil ein anderer Mensch sich dazu entschieden hat, gegen die Regeln der Menschlichkeit zu verstoßen.

Das sind große Worte.

Menschlichkeit. Ich möchte den Begriff nicht definieren – ich gehe davon aus, dass doch jede*r eine Vorstellung hat, von Menschlichkeit. Eine Vorstellung dazu, wie Menschen sich verhalten müssten, damit es eben keine Opfer gibt.

Ich werde hier auch nicht über die möglichen Auslöser sprechen. Die Frage, wie ein Mensch zum Täter oder zur Täterin wird, wird in der Literatur ausreichend behandelt. Im Diskurs findet das Opfer nicht statt. Das Opfer hat keinen öffentlichen Raum. Es wird ihm kein Platz gemacht, es wird verdrängt.

Denn welche Vorstellungen gibt es von einem Opfer? Das, was ich erlebe, ruft in mir folgendes Bild eines guten Opfers hervor:

  • Es darf leiden, aber still.
  • Erfolgt eine Entschuldigung, hat das Opfer diese zu akzeptieren und sein Leben wie vor der Tat fortzuführen.
  • Falls es zu einem Strafprozess kommt, hat das Opfer das hinzunehmen und ist dazu verpflichtet, alle Aufgaben, die während eines Strafprozesses auf ein Opfer zukommen, klaglos zu erfüllen.
  • Falls es zu einem Freispruch kommt, war das Opfer kein Opfer.
  • Falls es zu einer Verurteilung kommt, soll das Opfer zufrieden sein. Die Tat wurde so ausreichend gesühnt.

Privatsache

Ein mögliches Trauma interessiert nicht, ein mögliches Trauma ist Privatsache des Opfers.

Das Opfer ist die Versinnbildlichung der Ungerechtigkeit in der Welt. Das Opfer stört. Die kleingeistigen und kleinbürgerlichen Mitbürgerinnen möchten bitte in ihrer Zwangsvorstellung einer glücklichen Welt, nicht von dem Anblick eines Opfers gestört werden. Das Opfer soll nicht in Erscheinung treten.

Der größte Wunsch der Kleingeistigen: das Schweigen und Ausharren der Opfer. Wenn das Opfer schweigt, gibt es keine Tat. Wenn das Opfer schweigt, gibt es keinen Strafprozess. Ohne Kläger*in – kein Opfer. Der Mensch, der anklagt, wird durch die Klage zu einem Opfer. Das Opfer. Das Ding.

Das Opfer wird entmenschlicht.

Es liegt in der Natur der Dinge, dass der Täter unentdeckt bleiben möchte. Wenn wir uns auf eine Sache verlassen können, ist es das Schweigen des Täters. Niemand ist dazu verpflichtet, sich selbst zu belasten. Das Opfer ist verpflichtet zu belasten. Sich selbst und den Täter. Ein Strafprozess ist kein Spaziergang, an dessen Ende eine Belohnung wartet. Ein Strafprozess bedeutet für jedes Opfer die Gefahr einer erneuten Traumatisierung oder Retraumatisierung.

Zumindest auf dem Papier hat der Täter ein Recht darauf resozialisiert zu werden. Ein Opfer hat keinen gesetzlichen Anspruch auf Resozialisierung. Das Opfer wird sich selbst überlassen.

Ein überführter Täter sein, ist öffentlich. Opfer sein, ist privat. Opfer sein, ist persönliches Schicksal.

Das Opfer überfordert und bleibt für sich allein. Und der Diskurs freut sich. Wer für sich allein leidet, im Verborgenen, der hat keine Stimme. Der wird nicht gehört. Der findet im Diskurs nicht statt.

Vielleicht kann jede*r im Kleinen Versuchen einem Opfer eine Stimme zu geben. Natürlich ist es einfacher, Augen und Ohren zu verschließen, damit die individuelle Vorstellungen von Glück ungestört bleiben. Aber diese Vorstellung ist im Grunde genommen nur eine Wahn-Vorstellung. (Leseempfehlung: „Wir alle spielen Theater“)

Wo Eltern versuchen, den Kindern den Glauben an eine gute Welt zu lassen, damit sie in einem geschützten Raum aufwachsen können, ist es doch spätestens mit der Erwachsenen-Werdung Zeit einzusehen, dass es diese gute Welt nicht gibt.

Auch wenn mit aller Kraft versucht wird, dem Opfer einzureden, dass es eben eigenverantwortlich mit seinem Schicksal umzugehen hat. Still und leise. Ohne Aufsehen zu erregen.

Es ist tatsächlich so, dass dem Opfer eingeredet wird, dass es sein Schicksal zu akzeptieren und sich gefälligst gestärkt daraus zu befreien hat.

Wenn wir zurückblicken – mit einem klaren Blick – werden wir viele Opfer sehen, denen das Klagen und Jammern verboten wurde.

„Ein Risiko ist eine dornige Chance.“ Fuck you!

Opfer zu sein, bedeutet, dass das Leben aus den Fugen gerät. Opfer brauchen Anerkennung.


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