Begabung zum Glück

Ich habe das Hörbuch zu Nachmittage von Ferdinand von Schirach während der Hunderunde im Wald gehört. Ich rufe solche Inhalte häufig über die Onleihe ab, wie bereits auch die anderen Hörbücher, die er, so glaube ich, anders als Nachmittage selbst eingelesen hatte.

Ich habe Ferdinand von Schirach einmal live gesehen. Ich hatte Jahre zuvor die Serie mit Moritz Bleibtreu gesehen, von der ich wusste, dass Schirach in irgendeiner Art der Urheber der Geschichte war. Inzwischen gehe ich zu Lesungen, wenn ich über Werk nicht viel weiß. Warum sollte ich zu einer Lesung gehen, wenn ich das Buch bereits gelesen habe? Das klingt vielleicht so, als würde ich ständig zu Lesungen gehen… In den letzten Jahren habe ich es selten geschafft, ich habe Tickets gekauft, ich bin zu vielen Veranstaltung nicht gegangen.

Im Jahr 2019 also Ferdinand von Schirach mit Kaffee und Zigaretten. Er liest den Text zu einem – seinem erfolglosen Suizidversuch. Ein Autor liest seinen autobiographischen Text vor Publikum. Wäre ich begeistert von Literaturtheorie, könnte ich schon dazu Texte schreiben. Ich mache mir Gedanken, aber aufschreiben scheint unmöglich. Ich bin eine mittelmäßige Studentin, das ist okay so. Ich weiß noch nicht, ob ich Studentin bin oder war. Wissenschaftliches Schreiben liegt mir nicht. Ideen habe ich viele. Ich halte sie gar nicht für schlecht, aber bei dem Gedanken, sie zu notieren wird mir schlecht.

So rede ich aktuell nur mit meinem Therapeuten über Literatur, die mich interessiert. In meinem Umfeld sehe ich niemanden, den meine Gedanken interessieren könnten. Es ist einfach mit meinem Therapeuten zu sprechen. Schon aufgrund des speziellen Verhältnis würde er nichts sagen, was mich verunsichert. Ich befürchte nicht, dass er in mir Zweifel auslöst.

Zweifel sind schrecklich. Zweifel sind eine auf mich selbst gerichtete Waffe.

Im Wald Nachmittage. Der Mediaplayer der Onleihe verschluckt die letzten Sekunden des jeweiligen Kapitels. Warum auch nicht. Ich denke mir den Rest. Im Wald sind meine Ansprüche an mich als Hörende nicht so hoch. Manche Kapitel ziehen an mir vorbei – wie ich merke – ohne jede Erinnerung, weil ich das Hörbuch einige Tage später ein zweites Mal höre.

Am Montag erzählte ich während der Sitzung, dass Schirach irgendjemand zitierte der gesagt hatte, dass er zwei oder drei Jahre gelebt hätte. Und er – der Autor – würde sich anschließen. Weil ich nicht mehr wusste, in welchem Kapitel das steht, höre ich alles von Beginn und skippe die Passagen, in denen – wie ich vermute – der Autor nicht von sich schreibt. Im vorletzten Track dann der gesuchte Abschnitt.

Meine Merkfähigkeit ist nicht für Details ausgelegt. Es sind in einem bildungsbürgerlichen Buch immer sehr viele Querbezüge zu anderen Werken, Dichter*innen und Denker*innen zu finden. Manches kenne ich, manches nicht. Ich habe nicht das Ziel alles zu verstehen. Aber über diese Aussage, dass er nur zwei oder drei Jahre gelebt hätte, darüber machte ich mir Gedanken. Zufällig las ich am Wochenende ein Interview in der SZ mit Schirach.

Zu ihren Lebensbüchern zählt der Leopard von Gisueppe Tomasi die Lampedusa. Als Don Fabrizio, der Protagonist des Romans, stirbt, sagt er „Ich bin jetzt 73 Jahre alt, gelebt davon … alles in allem … zwei, höchstens drei Jahre.“ Auf welche Zahl kommen Sie?

Auch bei mir sind es nur zwei oder drei Jahre. Ich habe zu viele Fehler gemacht.

Meine Merkfähigkeit… Ich hätte das Hörbuch kein zweites Mal hören müssen, wäre doch mein Gedächtnis besser. Es wundert mich, warum der Journalist diese Frage überhaupt stellt, weil die Antwort, die ist, die im Buch bereits steht. Ich hätte im Anschluss gefragt: „Wie meinen Sie das?“

Wie geht das denn, in einem ganzen Leben nur zwei oder drei Jahre gelebt zu haben? Darüber könnte man doch längere Zeit reden. Ich habe meinen Therapeuten gefragt. Seine Antwort: Da gibt es viele Möglichkeiten. Eine typische Antwort eines Therapeuten, oder?

„Ich werde Schirach schreiben und ihn fragen,“ sage ich. „Vielleicht wird er Ihnen antworten,“ sagt er.


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