Scham

Die prägenden Gefühle meiner Kindheit sind Angst, Einsamkeit und Scham.

In meiner Kindheit war ich einsam – ich wurde allein gelassen – und die Angst war „berechtigt“. Die Scham… Warum ich mich geschämt habe, lässt sich herleiten. Das kann man in der Literatur nachlesen.

Scham ist ein schreckliches Gefühl. Wenn es einen Anlass gibt, kann sie ein Antrieb sein, etwas „wieder gut zu machen“. Wenn es keinen Anlass gibt – denn ein Kind kann nichts falsch machen -, ist es kaum auszuhalten.

Der Versuch es „wieder gut zu machen“ oder „besser zu machen“ läuft immer ins Leere, alle Energie verpufft. Die Anstrengungen, die Scham zu vermeiden, nehmen zu, die Wachsamkeit steigt, die Anpassung ausgebaut, über die Jahre sind alle Ecken abgeschliffen. Bloß nicht spitzer Stein des Anstoßes sein!

Die Scham wird zur ständigen Begleiterin. Leben mit vorauseilendem Scham. Immer wachsam sein.

Hypervigilanz – überhöhte Wachsamkeit nennt sich das. Nicht nur die Flöhe husten hören, sondern schon den mutmaßlichen Anlass für das Husten vorausschauen und ihn dann scheinbar umgehen. Durch Vermeidung, Anpassung, Unterwerfung, Selbstaufgabe.

Das macht unwahrscheinlich müde – eine Kindheit in überhöhter Wachsamkeit. Und all das hört nicht einfach auf, weil ich erwachsen geworden bin.

Ich bin es so leid! An manchen Tagen ist es fast unerträglich – das, was da in mir steckt, was lange vorbei ist, für was ich keine Verantwortung trage, das soll weggehen!

Die Angst, die mich abhält, die Traurigkeit, die mich lähmt, die Scham, für die es keinen Anlass gibt. Anstrengend, es ist sehr anstrengend, das zu schultern… mit der diffusen Angst im Nacken. Sie ist keine gute Beraterin, sie hat nicht mitbekommen, dass mein Leben sich grundsätzlich verändert hat. Die diffuse Angst im Nacken ist sehr hartnäckig und mein Nacken ist es auch – die Verspannungen sitzen fest – ein fester Griff.

Und was bleibt? Weitergehen, immer weitergehen. Mit Hilfestellungen. Mit Unterstützung. Mit Selbstmitgefühl. Weitergehen und die Veränderungen wahrnehmen.

Selbstmitgefühl ist neu für mich. Das setzt etwas in Gang, etwas neues, noch unbekanntes.

Hinter der diffusen Angst liegt für mich Freiheit. Im diffusen Nebel stecken zu bleiben, ist keine Option. Also weitergehen, immer weitergehen.


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