Trauma, Baby!

CN emotionale, körperliche, sexualisierte Gewalt

Ich habe vor einigen Tagen eine sehr bemerkenswerte Definition des Begriffs „Selbstwirksamkeit“ gelesen, die sehr durchdrungen war von dem Gedanken, dass jede*r des eigenen Glückes Schmied ist.

Dieser Gedanke ist einfach nicht tot zu kriegen und setzt voraus, dass alle Menschen unter ähnlichen Bedingungen aufwachsen und dadurch in der Lage sind, Selbstentfaltung leben zu können.

Ich staune und ein ganz kleiner Teil von mir beneidet diese Menschen, die so denken können, und sich nicht darüber bewusst zu sein scheinen, dass sie mehr oder weniger privilegiert sind.

Ich lebe seit etwas mehr als 25 Jahren ebenfalls in einer privilegierten Lage. Trotz einer Traumafolgestörung, depressiven Phasen und anderen Schwierigkeiten, die daraus folgen, habe ich im Großen und Ganzen ein gutes Leben.

Das klingt vielleicht für die ein oder andere widersprüchlich. Für mich bisweilen auch.

Selbstwirksamkeit. Ich bin unter Umständen aufgewachsen, die es mir unmöglich machten, das Konzept Selbstwirksamkeit zu verinnerlichen. Hospitalismus, emotionale, körperliche, sexualisierte Gewalt, chronische Traumatisierung seit Beginn. Alles in der Herkunftsfamilie.

In jedem Leben gibt es Höhen und Tiefen. Im besten Fall gibt es in den Tiefen Menschen, die begleiten und auffangen. Jemand kann etwas potentiell traumatisches erleben, was nicht zwangsläufig zu einer Traumatisierung führt.

Wenn nach einem schweren Unfall Helfer*innen anwesend sind, die mit Verletzten wohlwollend sprechen, Hände halten, den Notdienst informieren etc. – sich die Betroffenen trotz der widrigen Umstände umsorgt fühlen – kann eine Traumatisierung ausbleiben.

Die Gefahr in meiner Kindheit ging von meiner Herkunftsfamilie aus, was für mich bedeutete, dass es keine Helfer*innen gab. Es gab niemanden.

Ich hatte vor dem Schreiben die Idee zu erklären, wie es sich anfühlt so aufzuwachsen, warum es dann irgendwie besser wurde, als ich meinen Mann traf, warum es für mich so lange dauert, „mein Trauma zu bearbeiten“, warum einfach nicht alle des eigenen Glückes Schmied sind.

Mir fehlen die Worte. Ich könnte es wohl schreiben. Einen viel zu langen Text, der unverständlich bleibt.

Was ich schreiben kann:

  • Alles, was ich getan habe, hielt ich für richtig.
  • Alles, was ich machte, tat ich für mich.
  • Alles erschien mir schlüssig.
  • Alles erschien mir sinnvoll.

Und das gilt für alle Menschen. Alle Menschen handeln nach einem Konzept, dass ihnen sinnvoll und schlüssig erscheint.

Ich komme nur schwer mit Menschen aus. Ich verstehe die meisten Menschen nicht. Aber dass muss ich gar nicht. Ich versuche anzuerkennen, dass es für das menschliche Handeln Gründe gibt, die ich im Einzelnen weder verstehen noch für gut heißen muss.

Menschen menscheln und wurschteln sich durchs Leben. (Bitte nicht falsch verstehen! Es geht nicht darum, alles hinzunehmen.)

Wie lässt sich der Kreis jetzt schließen?

Wenn Sie schon immer an Ihre Selbstwirksamkeit geglaubt haben, dann herzlichen Glückwunsch. Aber bitte entwickeln Sie darüber keine Überheblichkeit. Andere Menschen sind anders. Aus Gründen.


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