Vom ästhetischen her definieren

Seit einigen, wenigen Wochen fühle ich mich gut. Die depressive Episode scheint vorüber zu sein. Ich traue der Sache noch nicht. Trotzdem gab es schon einen Motto-Wechsel vom gefrusteten, leicht emotionalen und sehr erschöpften „Die Scheiß Depression soll weggehen“ zu „Die Scheiß Depression soll wegbleiben!“.

Das läuft dann unter Depressionsprävention. Mehr auf mich und meine Bedürfnisse hören, auf mich und meine Grenzen achten und für mich gesündere Routinen etablieren. Dass ich dazu die Energie habe – denn auch wenn das alles easy peasy klingt, glauben Sie mir, das ist es nicht – ist eines der Zeichen dafür, dass es mir besser geht.

Freitag steht das erste Präsenzseminar seit langem an. Ich freue mich und habe sogar die Seminartexte gelesen (also, dachte ich, bis mir vor Ort auffiel, dass ich zwei davon nicht ausgedruckt habe). Ich habe sogar eine Idee für eine Hausarbeit. Dass ich dann 10 Minuten den richtigen Raum suche, verbuche ich unter alltägliches.

Nach einer Vorstellungsrunde, von der ich gehofft hatte, dass ich sie verpasst hätte – höher, schneller, weiter – stellen sich die Seminarleiter und das Thema kurz vor. Dann soll über den ersten Text gesprochen werden und es folgt das, was ich befürchtet habe.

Nach einer Meldung, die sich tatsächlich auf den Text bezieht, folgen viele Anmerkungen, die mit Worten wie diesen beginnen:

  • Ich denke …
  • Ich meine …
  • Meiner Ansicht nach …
  • Ich empfinde es folgendermaßen…

Fantastisch! Grandios! Nachdem also die beiden sachkundigen Seminarleiter bereits (wie in den vorliegenden Texten) betonten, dass eine Begriffsbestimmung aus Gründen schwierig wäre, sind hier direkt fünf Teilnehmende, die nach der Lektüre der 7 Texte bereits alles ausgewiesene Expert*innen sind und sich in einer angeregten Diskussion befinden.

In diesem Moment wünsche ich mir sehr, jetzt sofort mein Studium abzubrechen. Das ist ein großer Nachteil meiner „Genesung“. Nach Jahrzehnten der still-schweigenden Anpassung und der damit verbundenen und zwangsläufig aufzubringenden Leidensfähigkeit, ist diese aktuell aufgebraucht. Frustrationstoleranz steht nicht zur Verfügung. Over and out.

Ich mag nicht mehr, dem Gerede zuhören. Ich leide wirklich, ich bemitleide mich sehr. Was tu ich denn überhaupt da? Philosophie im Master studieren? Muss das so sein? Wenige palavern, viele hören zu. Es ist doch bisher in allen Seminaren genau so gewesen.

Dann folgt der bedeutungsschwerere Satz: „Ich definiere den Begriff vom ästhetischen her.“ Applaus und Zustimmung fallen aus, der Teilnehmende scheint mit mehr gerechnet zu haben. Ich verstehe gar nicht, was er damit sagen will und hoffe, dass niemand nachfragt.

Einer der Seminarleiter weist daraufhin, dass wir doch zum Text zurückkehren sollten. Da habe ich mich schon entschieden, morgen nicht mehr zum Seminar zurückzukehren. Die Aussicht von 9:30 bis 18:00 Uhr weiteren Ausführungen lauschen zu müssen, entspricht nicht meinem Depressions-Präventions-Ziel, besser auf mich und meine Bedürfnisse zu achten.

„Die Hölle, das sind die anderen.“ Genau, Herr Satre. „Alleine sein, ist die Hölle“. Sehr gut, Frau Heart. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Ich versuche das gerade auszuloten, dauert noch ein bisschen.

Wie das Studium für mich weitergeht, weiß ich gerade nicht. Philosophie ist kein Herzensprojekt. Ich interessiere mich für viele Themen. Ich könnte genauso gut Soziologie oder Psychologie studieren (und wäre dort gleichermaßen überfordert). Vielleicht mache ich das irgendwann noch. Ein Master-Titel zu erlangen schien (scheint) mir ein gutes, schaffbares Ziel zu sein. Mich mit Themen zu beschäftigen, die mir bisweilen Kopfzerbrechen bereiten, finde ich auch gut.

Zuletzt habe ich eine mündliche Prüfung abgelegt. Die Vorbereitungen darauf waren alles andere als optimal. Am Anfang war ich einfach genervt. Was ist das bitte für ein Scheiß? Wen interessiert das? Und wo ist denn das Problem überhaupt? Ich war dann einige Zeit bockig und habe innerlich mit den Füßen aufgestampft.

Die Prüfung – ach, na ja, lassen wir das. Ich habe mit Ach und Krach bestanden. Alles andere als eine Glanzleistung. Trotzdem habe ich mich gefreut. Ich hatte bestanden und es zumindest geschafft, das Problem zu verstehen und anzuerkennen.

Ich konnte und kann wirklich gar nichts zur Lösung dieses Problem beitragen und das meiste, was ich dazu gelesen habe, habe ich nicht verstanden, aber ich habe mich eingelassen. Das ist doch auch schon was.

Für „Schwall-im-All“ von Seminar-Teilnehmende bin ich offensichtlich noch nicht bereit. Das kommt oder kommt nicht. Wir werden sehen. Fürs erste bin ich dankbar, dass ich beginne mit mir selbst einigermaßen klar zukommen. Vielleicht wird das mit den anderen dann auch noch irgendwie.

Vielleicht melde ich mich beim nächsten Seminar, wenn es erwartungsgemäß zu einer ähnlichen Situation kommt, und berichte von meinem Unwohlsein. Vielleicht.


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